Lose Gedanken

26. November 2007

Beziehungsnetze

Gespeichert unter: Kommunikation, Verhalten — hjg @ 21:11

Wir alle leben in verschiedenen Netzen* aus Beziehungen (Familie, Paarbeziehung, Freundschaft, Beruf). Das Verhalten einzelner Netz-Mitglieder hat Auswirkungen auf das gesamte Gefüge und das (veränderte) Gefüge hat wiederum Auswirkungen auf seine Mitglieder. Die Mitglieder übertragen ihre bekannten Verhaltensmuster auch nach außen, in andere und spätere Beziehungsnetze. Will man die Muster beschreiben und verstehen, so muss man sie im Zusammenhang betrachten. Für das Verständnis sind dann vor allem die sich ergebenden Prozesse und weniger die einzelnen Bestandteile von Interesse.

Diese komplexen Beziehungssysteme folgen festgelegten Regeln (biologische, religiöse, kulturelle, kognitive), die nicht immer offensichtlich sind oder explizit ausgehandelt wurden. Sie dienen höchstwahrscheinlich dem Erhalt des jeweiligen Systems und seiner Mitglieder. Aus dem Willen** sowie den Möglichkeiten und Grenzen der Mitglieder ergibt sich der Handlungsspielraum und das Entwicklungspotenzial für das System und seine Akteure. Die gegenseitige Einflussnahme erfolgt über die Kommunikation untereinander und dementsprechende Interaktionen. Die verinnerlichte Selbstkontrolle des Einzelnen erfolgt demgemäß über eine innere Kommunikation.

Die Systeme in denen wir leben sind uns wichtig, vor allem unsere Herkunftsfamilie, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist oder sogar von uns geleugnet wird. Wir wollen unseren Platz darin einnehmen und unseren Beitrag leisten.***

Es gibt verschiedene Mitgliedsfunktionen und vor allem ein dynamisches Gleichgewicht. Veränderungen und Störungen veranlassen uns deshalb zu Ausgleichshandlungen innerhalb unseres Systems. Das ist alltäglich und richtig, solange jedes Mitglied im Rahmen seiner Stellung und seiner Möglichkeiten, das heißt ohne Selbstaufgabe, seinen Anteil zum Ausgleich beisteuern kann. Oder anders ausgedrückt: Solange eine Anpassung möglich ist und dabei niemand überfordert wird (z.B. Traumata, Doublebinds).

In einer Familie können Kinder nicht die Verantwortung ihrer Eltern übernehmen und keine Lücken in deren Paarbeziehung schließen. Sie können auch nicht die Rolle für ein ausgeschlossenes oder verloren gegangenes Mitglied übernehmen, denn sie sind weder Sündenbock noch Heiliger. Als Heranwachsende muss ihnen darüber hinaus die Abgrenzung zur Herkunftsfamilie, als Vorbereitung für ihre eigenen Familiensysteme, ermöglicht werden. Die dabei entstehenden Ungleichgewichte können größere Anpassungen im System notwendig machen.

In der Partnerbeziehung müssen beide Partner einen gleich großen Anteil der Beziehung übernehmen (keine Eltern-Kind-Beziehung). Es muss ein weitestgehender Ausgleich im Geben und Nehmen bestehen. Gemeinsam geben sie ihren Anteil an ihre Kinder weiter.

Soweit verstehe ich die Theorie der Familiensysteme ohne mich in tiefer gehende psychologische Weiten vorwagen zu müssen, denen ich nicht gewachsen bin.

Unter den Stichworten „systemische Familientherapie, Familiensysteme, Familienaufstellungen, Systemtheorie, Autopoiesis etc.“ findet man noch weitere interessante Ansätze.

Einige Erklärungsmuster und Stilrichtungen beim Familienstellen erscheinen mir etwas zu esoterisch, was aber nicht heißen soll, dass sie per se falsch sind. Möglicherweise muss das Wissensgebiet noch erweitert werden, um die Muster zu verstehen und den Raum für Spekulationen und Irrglauben zu verringern sowie auf der anderen Seite wissenschaftlichen Starrsinn aufzuweichen.

*) Man vergegenwärtige sich in diesem Zusammenhang die Reißfestigkeit bei gleichzeitiger Elastizität eines Spinnennetzes.

**) Würde man den in diesem Artikel gesteckten Rahmen des menschlichen Familiensystems verlassen und größere Gebilde, wie die Natur oder den Kosmos insgesamt, betrachten, wäre spätestens dann fragwürdig ob es einen freien Willen gibt (allenfalls einen göttlichen). Nach meiner Meinung ist die Annahme von unabhängigen durch die Individuen selbst gesteuerten Impulse im Familiensystem aber gerechtfertigt. Andernfalls kann man sie auch als nicht näher untersuchte Einflüsse der Systeme „Ich, Gesellschaft, Umwelt“ usf. verstehen.

***) Möglicherweise manifestiert sich hier der Fortpflanzungs- und Überlebenstrieb des Menschen und seiner Sippe als die gemeinsame Eigenschaft.

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